Dez 18

Jeder, der in den vergangenen Wochen Nachrichten gehört, gesehen oder gelesen hat, hat auch von Wikileaks gehört. Die Seite wurde durch die Veröffentlichung von 250.000 angeblich geheimen US-Dokumenten bekannt. Bereits zuvor gab es Veröffentlichungen geheimer Papiere.

Ob Dokumente, zu denen angeblich mehr als 750.000 Personen Zugriff haben, noch als geheim gelten können, das sei dahingestellt. Fakt ist, die letzte Aktion hat die US-Regierung und US-Behörden offenbar sehr stark gereizt.

Rein zufällig und natürlich aus freien Stücken und nicht etwa auf Anregung oder gar Druck der US-Administration kündigt Amazon das Webhosting. Wikileaks biete Material an, an dem man nicht die Urheberberichte besitze – so die offizielle Begründung. Auch der Domaine-Service-Provider EveryDNS.net schaltete ab. Angeblich, weil die Domain das ständige Ziel von „Cyberangriffen“ sei und diese Angriffe die anderen Kunden gefährde. Ähnliche Gründe müssen wohl auch die Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa Europe sowie PayPal zur Sperrung der Zahlungsabwicklungen bewegt haben. Alle drei sind US-Firmen und alle drei dementieren jeglichen politischen Einfluss auf diese Entscheidungen. Heute zog die Bank of America nach und begründete dies damit, „Man glaube, dass Wikileaks in Aktivitäten verwickelt sei, die sich nicht mit den internen Vorgaben zum Zahlungsverkehr vertrügen“.

Was macht eigentlich Wikileaks so Böses? Was ist daran neu?

Die Antwort ist simpel: Wikileaks veröffentlicht geheime Dokumente, die man der Webseite zuspielt. Sie hacken also nicht selber, sie veröffentlichen diese Dokumente nur. Ungefiltert, unkommentiert und unbewertet. Und nur letzteres ist neu. Denn seit es Zeitungen gibt, werden geheime Akten ganz oder auszugsweise veröffentlicht. Als Folge erscheinen Politiker im schlechten Licht oder müssen gar zurücktreten. Der weltweit bekannteste Fall dieser Art war die Watergate-Affäre in den USA, die mit Rücktritt von Präsident Nixon endete.

Und? Hat irgendeine Bank der Washington Post damals die Konten gekündigt? Nein. Hat gar eine Papierfabrik auf Druck der Nixon-Administration die Post nicht mehr mit Zeitungspapier beliefert? Ist zumindest nie bekannt geworden. Auf Julian Assange, den Gründer von Wikileaks, dagegen findet eine Hetzjagd statt, die nun damit gipfelt, dass die USA Anklage gegen ihn erheben wollen. Er habe den Hauptgefreiten, der vor ca einem halben Jahr 250.000 Dokumente entwendet und Wikileaks zuspielte, zum Diebstahl der Dokumente angestiftet.

Wie schon erwähnt, sind in meinen Augen Dokumente, die der US-Staat einer so unglaublich großen Zahl (ca 750.000) Angestellter und Soldaten  zugänglich macht, alles andere als geheim. Von Geheimnisverrat kann daher gar keine Rede mehr sein. Allenfalls von Weitergabe vertraulicher Informationen. Und die Verantwortlichen, die evtl. Dokumente, de wirklich geheim bleiben sollten, diesem großen Nutzerkreis zugänglich machten, die werden mit Sicherheit niemals zur Verantwortung gezogen. Obwohl man sie gewiss bei jedem einzelnen der 250.000 Dokumente ermitteln könnte.

Wie schön, dass sich Wikileaks nicht mehr abschalten lässt. Dem Aufruf, Mirror-Server bereitzustellen, die von Wikileaks per FTP aktualisiert werden können, wurde zahlreich gefolgt. Bei Wikileaks hoffte man auf 50 Server – es sind  inzwischen fast 2200 Mirror-Sites aus aller Herren Länder. Und inzwischen bekunden sogar einzelne Staaten offen ihre Sympathie für Wikileaks. Was auch immer man davon halten mag, der US-Regierung sollte klar sein, dass man das Recht auf freie Meinungsäußerung und freien Informationszugang niemals dauerhaft stoppen kann. Manchmal hilft der Blick in die eigene Verfassung. Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist in den USA eines der Heiligtümer der Verfassung und auch bei uns ist dieses Recht im Artikel 5 des Grundgesetz verankert, wenngleich auch durch zahlreiche andere Gesetze (=Ausnahmen) ausgehöhlt. So sehr ausgehöhlt, dass Herr Dr. Patrick Mayer diesem Artikel vor ca 10 Jahren eine Webseite widmete. Die Seite www.Artikel5.de wird leider nach seinem Tod 2001 nicht mehr so itensiv gepflegt, wie es das wichtige Thema verdient hätte.

geschrieben von Holger \\ tags: , , , , , ,

3 Kommentare to “Wikileaks – das Tauziehen hinter den Kulissen”

  1. ebook news sagt:

    Es geht weiter, wieder verliert wikileaks eine Bankverbindung. Visa, Mastercard, Paypal und jetzt die Bank of America: Die Großbank reiht sich bei den Unternehmen ein, die Zahlungen an WikiLeaks sperren. Vielleicht liegt es daran, dass wikileaks als nächstes Ziel eine amerikanische Grossbank anvisierte. Auf der anderen Seite wird man an diesem Beispiel sehen, ob es auch auf Seiten der Banken monopolistische Strukturen gibt. Das wäre wirklich nicht gut.

  2. Karim sagt:

    Wirklich Super! Gefaellt mir! Wo ist der Like Button fuer Facebook?

  3. Holger sagt:

    Hallo Karim,

    das Einfügen eines „Like Button“ für Facebook hat ungeahnte Konsequenzen – denn das funktioniert so ähnlich wie ein Tracker und damit bekommt Facebook Daten aller Besucher. Auch von Besuchern, die Facebook vielleicht wegen des allzu undurchsichtigen Umgangs mit Daten der User und unbeteiligten Dritten lieber meiden.

    Wir verwenden aus Datenschutzgründen auch nicht den sonst recht beliebten und sehr guten Google-Dienst Analytics.

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