Apr 24

Schon vor einigen Wochen war öffentlich über die Einführung von Drosselungen bei DSL-Produkten der Telekom spekuliert worden. Seit Montag ist die Katze aus dem Sack:

Die Telekom Deutschland will Volumengrenzen in die AGB Ihrer Produkte einführen und bei Überschreitung die Kunden empfindlich drosseln. http://www.telekom.com/medien/produkte-fuer-privatkunden/184370 Begründet wird dies mit dem „rasanten Datenwachstum„. Das ist nicht neu, denn schon seit Jahren steigt das durchschnittliche Datenvolumen der Endkunden sehr konstant mit 10 bis 12% Wachstum pro Jahr an. Waren es früher böse Poweruser mit Filesharing, die das Netz auslasteten, so hat sich das Blatt gewendet. Filesharing ist nur noch in den Pubikationen der Rechteverwerter ein Thema, in den Netzen sind es im Wesentlichen Videostreams und zunehmend auch Onlinespiele, wo Teile des Spiels gestreamt werden. Nicht ohne Grund kündigte DECIX erst vor wenigen Tagen die Aufrüstung des weltgrößten Internetknotens mit Apollon an.

Liegen laut Telekom derzeit 3% der Kunden an den Limits (75GB bei DSL, bei VDSL und Fiber bis zu 400GB), werden es 2016 bereits 10 bis 15% sein, wenn die Telekom die Grenzwerte nicht jährlich anpaßt. Und das werden dann größtenteils keine Poweruser mit Filesharing sein, sondern normale Familien, wo sich die höhere Zahl der Nutzer und mindestens einen jugendlichen Nutzer eine intensivere Internetnutzung ergibt. Die Telekom selbst gibt ein interessantes Beispiel für 75GB Datenvolumen an: „Neben dem Surfen im Netz und dem Bearbeiten von Mails ist dieses Volumen beispielsweise ausreichend für zehn Filme in normaler Auflösung plus drei HD-Filme, plus 60 Stunden Internetradio, plus 400 Fotos und 16 Stunden Online-Gaming.“ Das klingt nach mehr als es ist, denn schon jetzt bieten Plattformen wie Youtube oder Vimeo fast jeden Clip in HD-Qualität an. Wie schnell 16 Stunden Onlie-Gaming verbraucht sind, kann sich jeder vorstellen, der schon mal gesehen hat, wie lange an einem Wochenende die Playstation, Wii oder XBox benutzt wird.

Es ist sehr bedenklich, dass der Telekom-Dienst „Entertain“ von der Drosselung ausgenommen wird, andere Videodienste wie Youtube und selbst die Mediatheken der TV-Sender aber natürlich nicht. Bei den Mobilfunkkunden ist es ja schon so. Mit „Spotify“ können Gigabyte Musik konsumiert werden, während mobile Nutzer andere Musikdienste doppelt in die Tasche greifen müssen und neben dem Abodienst auch den teuren Datentarif zahlen müssen.

Die Telekom argumentiert, das Dienste wie Entertain eben „gamanagte Dienste“ sein. Das stimmt nur zum Teil. Denn die Telekom ist nicht nur Betreiber eines Endkundennetzes, sondern bindet auch große Rechenzentren in ihr Netz an. Und hier suchen insbesondere die Firmen den Anschluss an das Telekom-Netz, die dort ihre Kunden erreichen wollen. Wie zum Beispiel die Firma Akamai, die ein Content Delivery Network für Ihre Kunden betreibt. Dahinter steckt die eigentlich simple Idee, Inhalte mit größerem Volumen nicht von einem zentralen Server irgendwo auf der Welt zu den Kunden zu bringen, sondern von Zwischenservern, die möglichst in der Nähe der Kunden plaziert sind. Wenn Sie z.B. einen Download bei Microsoft starten, dann wird blitzschnell ermittelt, aus welchem Netz sie am schnellsten bedient werden können. Telekom-Kunden erhalten dann ihre Downloads von einem Akamai-Server, der im Telekom-Backbone angebunden ist. Nur mit den Servern von Akamai ist es der ARD 2010 bei den WM-Spielen der deutschen Nationalmannschaft gelungen, stabile Livestreams der Spiele im Internet anbieten zu können. Die Telekom erhält in solchen Fällen also auch vom Datenabsender Geld für den Transport der Daten – nicht nur vom Konsumenten.

Mit der Ankündigung der Telekom gerät die Netzneutralität in höchste Gefahr  und die Bundesnetzagentur ist gefordert, hier einzuschreiten. Ansonsten bleibt nur das Hoffen auf die EU – da ist die Netzneutralität im Gegensatz zu deutschen Politik sehr wohl ein Thema. Der Videodienst Watchever kritisierte nach einer Meldung des Portals Onlinekosten.de auch umgehend die Entscheidung der Telekom und bemängelte die fehlende Chancengleichheit im Wettbewerb mit Entertain um die Gunst der Telekom-Kunden.

Bleibt abzuwarten, wie die Telekom reagiert. Vielleicht verschwinden auch erst die Kunden und dann die Drossel-Passagen in den AGB. Viele Marktbeobachter haben bereits bei Bekanntwerden der Pläne vor einigen Wochen vermutet, dass hier ein Testballon gestartet wird. Die Tatsache, dass die Telekom frühestens 2016 tatsächlich drosseln möchte, spricht durchaus für diese Theorie. Es liegt an der Reaktion von uns Kunden, wie sich die Telekom und ihre Wettbewerber nun verhalten. Ohne Protest wird es spätestens 2016 keine Flatrates mehr geben!

geschrieben von Holger \\ tags: , , , , , ,

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