Jan 28

Nur wenige Tage nach der „Facebook-Revolution“ wurde Ägypten nahezu vollständig „abgeschaltet“.

Am 27.1.2011 ca 23:30 MEZ ging Ägypten nahezu vollständig offline. Ca 3500 BGP-Routen (Border Gateway Protocol) wurden innerhalb kürzester Zeit von den ägyptischen Providern zurückgezogen. Dadurch ist das Land quasie aus dem Internet verschwunden. Lediglich der Provider Noor Data Networks, der unter anderem die ägyptische Börde zu seinen Kunden zählt, hat einen Großteil seiner Routen nicht zurückgezogen und ist noch teilweise erreichbar.

Versuche, das Internet und die Gefahren aus dem Internet mit einem Schlag aus dem Land zu verbannen, gab es mehrfach in den letzten Jahren. 2007 etwa durchtrennten burmesische Militärs in einer Verzweifelungstat einfach die Telefon- und Internetkabel des Landes. Eine recht wirkungslose und dumme Aktion, wie sie später merkten, weil Telefonat und SMS natürlich auch über Funk transportiert werden können und wurden. Zensur im Netz dagegen ist vielen Ländern der Welt üblich. Keineswegs nur in China.

Dieser Fall ist anders: Hier hat keine staatliche Behörde den Schalter umgelegt, Kabel gekappt oder Zensur-Server installiert. Hier haben Provider in einer konzertierten Aktion sich selbst offline gesetzt. Angeblich auf Anweisung der Regierung, wie z.B. Vodafone in einer knappen Presseerklärung mitteilte.  Inzwischen gibt es aber deutliche Hinweise, dass dies nicht der vollen Wahrheit entspricht. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zu folge gab es zuvor eine geheime Sitzung aller großen Telekommunikationsanbieter, auf der beschlossen wurde, im Falle einer Eskalation die Telekommunikationskanäle des Landes zu schließen. Die Zeitung beruft sich auf die ägyptischen Tageszeitung „al-Shorouk“.  Auch Spiegel Online vermutet „vorrauseilendem Gehorsam“ der großen Provider und führt den kleinen Provider Noor Data Networks an, der bislang offenbar ohne staatlichen Druck seine Verbindungen ins internationale Internet nicht kappte. Neben Vodafone Egypt muss auch der ägyptische Marktführer Mobinil erwähnt werden, der mehrheitlich (71%) der France Telecom gehört und ca 30 Millionen Kunden (von insgesamt ca 60 Millionen Kunden) bedient und eine Netzabdeckung von 99% des Landes bietet. Auch Mobinil hat sein mobiles Internet ohne Widerstand (nach derzeitiger Nachrichtenlage) abgeschaltet.

Die Süddeutsche Zeitung wirft speziell Vodafone Egypt vor, schon länger die „Regierungslinie“ zu fahren. Ausgerechnet der Konzern, der hier in Deutschland schon mit Werbesprüchen wie „Du bist nicht auf der Welt, um zu schweigen“ oder „Wer mehr erlebt, hat mehr zu sagen“ auf Kundenfang ging. Ein Paradoxon, das auf der Webseite Metronault.de

humorvoll verarbeitet wurde.

Wohl jeder Leser kennt die „Gefällt mir“ Buttons von Facebook. Einen „Gefällt mir nicht“ Button gibt es noch nicht, sonst könnte man Vodafone bequem per Mausklick mitteilen, wie man über so eine Firmenpolitik denkt.

geschrieben von Holger \\ tags: , , , , ,

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